Norseman 2014 - Part 1

 

"Did not finish" is better than "Did not start"

Norseman Xtreme Triathlon – Ein Wettkampfbericht von Tim Grossmann

 

1.Der Wettkampf – Norseman Xtreme Triathlon

Der Norseman ist ein Triathlon ueber die klassische Ironman Distanz. Start ist im Hardangerfjord und Ziel ist auf dem Gaustatoppen (1.883 Meter). Der Norseman wird seit 2003 ausgetragen und wird von vielen als der haerteste Triathlon der Welt angesehen. Auf jeden Fall ist es ein unbeschreiblich spektakulaerer Wettkampf, den man nicht so sehr als Wettkampf gegen die Konkurrenten erlebt, sondern eher als eine Reise zusammen mit ca. 250 Weggefaehrten. Beim Norseman gibt es, von 3 Ausnahmen abgesehen, keine Verpflegungsstellen, weshalb jeder Teilnehmer sein persoenliches Support-team mitbringen muss. Der Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad des Norseman hat in den letzten Jahren stark zugenommen und die rund 250 Startplaetze werden unter rund 2.000 Bewerbern ausgelost.

 

a. Die Anmeldung

Schon alleine die Anmelding ist eine spannende Angelegenheit. Ungleich andren Wettbewerben geht es beim Norsenman nicht darum, moeglichst schnell nach Oeffnen des Anmeldefensters seine Anmeldung abzugeben, die Startplaetze werden unter den Interessenten ausgelost. Ende Oktober oeffnet sich die Anmeldung und schliesst eine gute Woche spaeter. In dieser Zeit kann man in aller Ruhe seine Anmeldung abgeben. Ca. 2 Wochen spaeter erhaelt man dann die Benachrichtigung ob man teilnehmen kann oder nicht.

 

b. Das Schwimmen – 3.8 km im Hardangerfjord

Auch der Schwimmstart ist aeusserst spektakulaer. Um kurz vor 04:00 Uhr geht man in Eidfjord an Board einer Autofaehre, die 4 km in den Fjord hinausfaehrt und die Atlethen zur Startlinje bringt. Etwa 04:45 ist man dann in der Naehe der Startline und die Faehre oeffnet die Ladeluke. Man springt vom Auto-deck in den dunklen und kalten Fjord und schwimmt ca. 200 m zur Startlinje, die von Kajaks markiert wird. Punkt 05:00 Uhr ertoent das Schiffshorn und das Rennen geht los. Der Fjord wird von Gletscherwasser gespeist. Die Wassertemperatur betraegt normalerweise zwischen 13 und 15 Grad. Die Wassertemperatur faellt bei warmem Wetter, da dann der Gletscher schneller schmilzt und den Fjord abkuehlt. Wind und unguenstige Gezeitenstroemung koennen die Schwimmstrecke erheblich erschweren. Zusammen mit der kalten Wassertemperatur haben in einigen Jahren Wind, Wellen und Stroemung dazu gefuehrt, dass bis zu 10% der Startenden nicht durch die Schwimmstrecke gekommen sind. Dabei muss erwaehnt werden, dass in jeder Phase des Rennens die Sicherheit der Atlethen voll gewaehrleistet wird. Das Schwimmen wird von zahlreichen Booten und Kajaks begleitet. Der Kurs ist recht einfach zu navigieren, man schwimmt immer der Kueste entlang auf Eidfjord zu. Dort umrundet man ein Boot, dass als Boje dient, macht eine 90 Grad Kehre und schwimmt die letzten 700 Meter am Kai entlang zum Schwimmaustieg. Cut-off Zeit beim Schwimmen betraegt 2:15 Stunden.

 

c. Die Fahrradstrecke – 180 km ueber 5 Bergpaesse und durch die Hardangervidda:

Die ersten 10 km der Fahrradstrecke sind recht flach. Dann geht es etwas 25 km stetig beragauf durch das Måbø-tal bis auf Dyranut. Dyranut ist mit 1.250 Metern der hoechste Punkt der Strecke. Nun ist man in der Hardangervidda und die Strecke fuehrt ca. 55 km gemaechlich abwaerts bis nach Geilo, dem einzigen groesseren Staedtchen auf der gesamten Strecke (Geilo hat 2.363 Einwohner – Stand 2013). Nach Geilo muss man 3 Bergpaesse mit jeweils 3 – 400 Hoehenmetern bewaeltigen. Zum Schluss geht es ueber den Immingfjell (ca. 600 Hoehenmeter hinauf) und dann durchs Tessung-tal nach Austbygde (ca. 1.000 Hoehenmeter hinunter). Insgesamt hat die Radstrecke ca. 3.500 Hoehenmeter und ist insbesondere in der Hardangervidda und auf dem Hochplateau des Immingfjell sehr windanfallig. Das Gebiet gehoert mit seinen Fjordauslaeufern zu Westnorwegen wo die Niederschlagswahrscheinlichkeit besonders hoch ist. Je nach Wetterlage kann die gesamten Rad-strecke empfindlich kalt, nass und windig sein.

 

d. Der Marathon – 42.2 km mit einem Schlussanstieg von rund 1.600 Hoehenmetern:

Die Marathon-strecke ist recht flach – auf den ersten 25 km. Ab km 25 am Orteingang in Rjukan geht es 17 km stetig bergauf. Ab diesem Punkt darf der Athlet von seinem Support-team zu Fuss oder per Fahrrad begleitet werden. Das steilste Stueck des Anstiegs auf der Asphaltstrasse von km 25 bis 32.5 ist auch als “Zombie-hill” bekannt, benannt nach den ausdruckslosen Gesichtern der Athleten, die sich total erschoepft und ueberwiegend gehend, den Berg hochkaempfen. Bei km 32.5 ist ein Kontrollposten. Hier teilt sich die Strecke. Nur die ersten 160 Teilnehmer duerfen die “schwarze Strecke” mit Ziel auf dem Gaustadtoppen einschlagen, die restlichen Teilnehmer muessen die “weisse Strecke” einschlagen und beenden nach ebenfalls 42.2 km ihren Marathon auf der Hoehe von ca. 1.000 Metern beim Hotel “Gaustadblick”. Sie beenden also auch einen vollen Ironman-wettbewerb, erhalten aber “nur” das weisse Finisher-shirt. Das begehrte schwarze Finisher-shirt ist den ersten 160 Athleten vorbehalten, die das Ziel auf dem Gaustad-toppen erreichen. Grund fuer die Auslese ist wiederum die Sicherheit. Auf einer Hoehe von 1.883 Metern so weit noerdlich kann sich das Wetter extrem schnell aendern. Schneestuerme im August sind keine Seltenheit. Die Veranstalter koennen das Risiko nicht uebernehmen mit einer zu grossen Anzahl total erschoepfter Wettkaempfer bei einem Schlechtwettereinbruch auf dem Berggipfel zu stehen. Auf der anderen Seite setzt diese Regel natuerlich fuer die Mehrzahl der Teilnehmer, die weder an Sieg oder Topplazierung denken koennen, einen ganz besonderen Anreiz, denn wenn man schon am Norseman teilnimmt, moechte man selbstverstaendlich auch auf dem Gipfel des Mt. Gaustad ins Ziel einlaufen. Bei km 32.5 wird auch ein kurzer medizinischer Test durchgefuehrt. Teilnehmern, die zu erschoepft sind wird vom medizinischen Personal der Abschluss auf dem Gaustadtoppen untersagt.

Bei km 37.5 (Stavsro) verlaesst man die Strasse und begibt sich auf den felsigen Pfad, der die letzten 4.7 km hinauf ueber Geroell auf den Gipfel fuehrt. Ab Stavsro muss jeder Teilnehmer von seinem Support begleitet werden. Aus Sicherheitsgruenden darf kein Teilnehmer die letzten 4.7 km alleine bewaeltigen. Sowohl Athlet als auch Support muessen einen Rucksack mit vorgeschriebenem Innhalt (z.B. warme Kleidung, Verpflegung, Telefon) tragen. Bei km 37.5 wird auch noch einmal ein kurzer medizinischer Check durchgefuehrt. Der Pfad auf den Gipfel ist gut gekennzeichnet. Allerdings ist der Gipfel haeufig in dichten Nebel gehuellt und man sieht den Mast auf dem Gipfel erst wenn man direkt davor steht.

 

e. Nach dem Zieleinlauf, Finisher-buffet, T-shirt Zeremonie, Siegerehrung und Gruppenfoto:

Nach dem Zieleinlauf kan man sich in der kleinen Kaffeteria direkt unterhalb des Gipfels aufwaermen und bekommt eine warme Suppe gereicht. Vom Gipfel des Gausta-toppen fuehrt eine Standseilbahn im Inneren des Berges bis auf 1.170 m hinunter. Die Bahn wurde zwischen 1954 und 1959 unter strengster Geheimhaltung errichtet, um den militaerisch wichtigen Berggifel auch im Winter erreichen zu koennen. Heutzutage befoerdert sie Touristen auf den Gaustatoppen hinauf und hinunter. Aufgrund der stark begrenzten Kapazitaet (40 Personen pro Stunde) ist der Ruecktransport mit der Gausta-bahn den Athleten vorbehalten. Support und andre muessen den Rueckweg zu Fuss antreten.

Im „Gaustablikk“ Hotel gibt es fuer alle Teilnehmer und Supportteams am Abend ein Buffet, dass bis 01:30 geoeffnet ist. Am naechsten Tag findet dann gegen 11:00 die Vergabe der schwarzen und weissen Finisher-shirts sowie die Siegerehrung fuer die 3 besten Frauen und Maenner statt. Anschliessend ist es Zeit fuer das obligatorische Gruppenfoto, auf dem alle Finisher in ihren weissen und schwarzen T-shirts auf der Hotelterrasse vor dem Panorama des maechtigen Mt. Gausta posieren.

 

 

2. Mein Rennen – Norseman 2014

 

a. Vor dem Start:

Der 02. August 2014 begann fuer mein Support team Bente, Nina und Stein und mich um 01:30 Uhr. Geraeusche, die an einen startenden Jumbo-jet errinnerten, weckten uns aus dem kurzen Schlaf. Kein Jumbo-jet der die Nachtruhe in Eidfjord stoerte, aber die “Hardingen” – die Autofaehre, die uns um 04:00 Uhr in den Fjord befoerdern sollte, legte am Kai in Eidfjord an. Der Kai befindet sich keine 10 Meter vom Hotelzimmer entfernt. Ich war schlagartig wach und beschloss zusammen mit Bente zum Fruehstueck zu gehen. Nina und Stein schliefen noch ein paar Stunden weiter. Sie sollten im Wechsel das Auto fahren – wichtig das zumindest die Fahrer halbwegs ausgeschlafen diesen langen Tag angehen konnten.

 

Bente und ich waren unter den ersten, die sich am Fruehstuecksbuffet bedienten. Meine Halsschmerzen waren immer noch leicht zu merken – aber ich schob das auf die Nervositaet und fuehlte mich im Grunde klar fuer meinen laengsten Wettkampf. Vier Jahre lang hatte ich mich auf diesen Tag vorbereitet und fast taeglich an diesen Morgen gedacht. Ich hatte mir vorgestellt wie es sein wird, die Faehre zu besteigen, wie der Fjord aussehen wuerde und wie ich mich vor dem Sprung ins kalte Wasser fuerchten werde. Nun war der Tag gekommen, ich war gespannt und nervoes, unruhig und – ich muss es einraeumen – ein wenig Angst war auch dabei. Meine groesste Furcht war, dass beim Schwimmen irgendetwas passieren koennte und der Wettbewerb schon hier fuer mich beendet sein koennte. Aber ich war auch klar fuer die Herausforderung, ich freute mich darauf, endlich zu erfahren, ob meine Vorbereitung gut genug war um im Felt mithalten zu koennen und eine Chance auf das schwarze T-shirt haben. Ich war entschlossen mich genau an meinen Plan zu halten: Kontrollierter Schwimmstar, Zurueckhaltung beim Fahrradfahren, mindestens Platz 200 nach T2, beim Laufen bis km 32.5 an 40 Konkurrenten vorbeiziehen und als mindestens 160. auf den Gausta-toppen laufen zu duerfen.

Da wir so frueh aufgestanden waren, hatten wir viel Zeit beim Bike check-in und konnten die Atmosphaere geniessen. Die Temperaturen waren mit 16-17 grad mild, ein ganz leichter Wind strich ueber den Fjord, das Wasser war ruhig. Die Wassertemperatur betrug fuer Norseman-verhaeltnisse rekordverdaechtige 16 Grad Celsius. Ueberall bereiteten konzentrierte Athleten und ihre Supports die Wechselzone vor. Es herrschte eine andaechtige Ruhe, keine Hektik, kein lautes Rufen. Ich praegte mir noch einmal genau ein, wie ich vom Aussteig nach dem Schwimmen zu meinem Rad finden sollte. Eine einfach Aufgabe. Im Gegensatz zu den grossen Ironman veranstaltungen stehen hier ja nur laecherliche 261 Raeder. Mein Rad mit der Nummer 262 stand fast ganz hinten, eines der ersten Raeder nach dem Schwimmaustieg.

Kurz nach 03:30 Uhr ging ich dann an Bord der “Hardingen”, dass heisst ich suchte mir einen Platz auf dem Autodeck, wo es sich schon rund 100 Athleten gemuetlich gemacht hatten. Jetzt war ich dann doch furchtbar nervoes. Ohne Bente fuehlte ich mich ploetzlich alleine. In Roth, bei meinem ersten Ironman, hatte ich meinen Trainingskamerat Morten dabei, hier kannte ich niemanden. Den meisten der uebrigen Teilnehmer ging es scheinbar aehnlich. Nur wenige unterhielten sich, die meissten sassen mit ausdruckslosem Gesicht auf dem Boden des Autodecks und blickten unsicher vor sich hin. Zweimal musste ich mich in die lange Reihe vor dem Klo anstellen, bis es endlich klappte. Dann war es auch schon 04:40 Uhr, ich liess mir mit dem Reissverschluss beim Neoprenanzug helfen, Brille unter die Badekappe, fertig. Oder? Ich hatte hin- und herueberlegt ob ich die Neoprenhaube unter die Bademuetze ziehen sollte oder lieber nur mit Bademuetze schwimmen sollte. Mein Entschluss hatte festgestanden: Durch die Neoprenhaube bekommt mein Kopf zu viel Auftrieg und liegt zu hoch auf dem Wasser, Rumpf und Beine sinken, weshalb der Widerstand im Wasser waechst. Bei 16 Grad Wassertemperatur ist eine Neoprenhaube sowieso nicht notwendig. Das die Mehrzahl der anderen Teilnehmer eine Neoprenkappe under der Bademuetze trugen war mir egal – sie hatten halt keine Ahnung oder waren eben bessere Schwimmer als ich. Als ich aber sah, dass auch Alan Hovda, der nicht nur zu den Top 3 Anwaertern auf den Sieg zaehlte, sondern auch als absoluter Detailfreak bei der Ausruestung gilt, ebenfalls mit Neoprenkappe am Start stand, wurde ich dann doch unsicher, aenderte meine Entscheidung und zog die Neoprenkappe unter die gelbe Norseman-haube.

 

Norseman: Alles beginnt mit einem Sprung ins kalte Wasser. Photo: Dagens Næringsliv

Wie geplant stand ich ganz vorne als sich die Bauchklappe des Schiffs oeffnete und sprang auch als einer der ersten in den Fjord. Der Sprung war viel kuerzer als erwartet und der Kaelteschock blieb auch komplett aus. Ich machte mich gleich daran, ruhig auf die Kajaks zu zuschwimmen. Das Wasser war herrlich, dunkelgruen, kein Salzgeschmack, gute Temperatur, keine merkbare Stroemung. Meine Nervositaet war schlagartig weg, keine Probleme mit der Atmung, ruhiger Puls. An der Startlinie hatte ich noch ca. 5 Minuten zu warten. Ich unterhielt mich entspannt mit einigen Teilnehmern, darunter einem Kerl, der aus Venezuela angereist war, einzig und aleine um am Norseman teilzunehmen. Der Tag brach gerade so heran, milde Luft- und Wasstemperaturen, ein paar Nebelschwaden ueber dem Fjord, im Hintergrund die “Hardingen” mit der offenen Bauchklappe von der immer noch Athleten ins Wasser sprangen und rund um uns herum die schroffen, rund 1000 m hohen Felswaende. Ein fantastischer Start in einen wundervollen Tag – ich war unheimlich dankbar hier dabei sein zu koennen.

 

b. Die Schwimm-etappe:

Dann das Signal aus dem Schiffshorn und es ging los. Norseman 2014 lief und ich war dabei – genau wie ich es mir in den letzten 4 Jahren fast taeglich vorgestellt hatte.

 

Schiffshorn, Paddel hoch und Start frei fuer Norseman 2014 Photo: von unbekannt geklaut

Ich fand schnell meinen Rythmus und kraulte vor mich hin. Am Anfang versuchte ich den Knick an der Kuestenlinie anzupeilen, verliess mich dann aber doch in erster Linie auf die Navigationskuenste der Schwimmer vor mir. Ich versuchte mehrmals zu draften, was aber immer nur ein paar Meter lang klappte. Teilweise fuehlte ich mich ganz alleine im Fjord, dann schwommen ploetzlich wieder 4-5 Teilnehmer neben mir her. Ich verlor recht schnell die Orientierung, wie weit ich schon geschwommen war und wie lang ich schon unterwegs war, wollte aber nicht unnoetig meinen Rythmus unterbrechen um versuchen auf meine Uhr zu schauen. Ich kam immer naeher an die Kueste heran und musste bewusst nach links halten um im Fjord zu bleiben. Nachdem ich grob geschaetzt etwa die Haelfte der Strecke hinter mir hatte und nun langsam erwartete, das kleine Boot zu sehen, dass es zu umrunden galt, es aber nicht zu Augen bekam, kamen natuerlich doch wieder die boesen Gedanken. Es waren nur sehr wenige Athleten zu sehen. Ich versuchte nach hinten zu blicken um zu sehen, ob da noch jemand langsamer als ich schwomm, konnte aber niemanden erblicken. Vor mir war auch kaum jemand zu sehen. Au-wei, ich war sicher total abgeschlagen. Angst und Unruhe kamen auf. Ich musste an Bente denken, die am Kai stand und einen Athleten nach dem anderen aus dem Wasser steigen sah und ich kam nicht. Ich schwomm und schwomm und schwomm, immer an der Kueste entlang. Dann konnte ich endlich das Hotel sehen und den Kai – beides ganz klein, weit entfernt. Und dann sah ich das Boot um dass wir herum schwimmen sollten. Nun wusste ich, dass ich die Schwimmstrecke schaffen sollte und legte einen Zahn zu. Am Schiff angekommen landete ich dann in einem grossen Pulk von mindestens 15 Schwimmern und fuehlte mich ploetzlich wieder richtig wohl. Ich erhoehte nochmals die Geschwindigkeit und konnte an einigen Konkurrenten vorbeiziehen.

Am Kai entlang: Die letzten Meter der Schwimmstrecke. Photo: Nina

Die letzten 300 Meter sind einzigartig. Man schwimmt direkt am Kai entlang und die Zuschauer stehen dicht gedraengt (um kurz nach 06:00 morgens!), keine 2 Meter von Dir entfernt und schauen auf Dich runter, feuern Dich an. Der Race Director reichte mir am Ausstieg eine helfende Hand, typisch Norseman. Auch wenn das Schwimmen mal wieder eine mentale Berg- und Talfahrt war, hatte ich mich im Grossen und Ganzen doch gut an den Plan gehalten und hatte eine kontrollierte Schwimmetappen hingelegt. Ich konnte die Anstrengung in den Armen merken, war aber in keiner Weise erschoepft. Am Austieg sah ich Nina, sie rief mir zu “140. Platz”. Demnach waeren 120 hinter mir – das konnte ich nicht glauben. Ich war davon ausgegangen etwa 20-30 beim Schwimmen hinter mir lassen zu koennen und ich hatte eher den Eindruck, recht verhalten geschwommen zu sein, ausserdem kam es mir so vor, als ob ich ganz schoen Zick-zack im Fjord geschwommen bin. Der Blick auf meine Uhr sagte mir, dass ich den “Start” Knopf um 05:00 leider nicht hart genug gedrueckt hatte – weder Zeit noch Strecke waren registriert.

Immer wieder lustig: "Out of the water" - Bilder Photo: Nina

Bente kam in ihrem weissen Supporter T-shirt auf mich zugelaufen. Sie strahlte, rief “kom” und lief vorneweg um mir den Weg zu meinen Rad zu weisen. Aber sie lief einen ganz anderen Weg, als den ich mir am Morgen eingepraegt hatte, viel weiter in die Reihen mit den Raedern hinein als ich gedacht haette. Wahrscheinlich haben sie T1 noch mal umgebaut und ich folgte ihr blind – sie musste es ja wissen. Und dann standen wir vor Rad nr. 162. Fast richtig – nur 100 Nummern falsch. Ich musste lachen – wieso sollte ich mich ausgerechnet hier auf die Orientierungskuenste von Bente verlasssen, die wenn sie einen See links herum umrunden soll, schon mal auf die Idee kommt rechts abzubiegen. Gott sei Dank ist hier alles uebersichtlich und wir waren schnell wieder bei der 262.

Hektische Aktivitaeten in T1 Photo: Nina

Raus aus dem Neoprenanzug. Trikot, Socken, Schuhe an, Reflexweste ueberziehen, Helm auf. Dabei ein Gel reingedrueckt und ein Nutella-broetchen mit auf die Reise genommen. Ich war mir immer noch unsicher, wo ich im Feld lag und versuchte in den Fjord zu gucken um zu sehen wie viele da noch am Schwimmen waren. Als ich Bente fragte ob sie gesehen hat ob da noch viele hinter mir seien, sagte sie: ”Schau doch einfach wie viele Raeder hier noch rumstehen” – ok hatte sie ja auch wieder recht. So viel Adrenalin im But, dass mir dieser einfache Gedanke nicht kam. Das zweite Mal Lachen in T1.

Rad aus T1 geschoben, vor dem Balken wurde noch kontrolliert, dass ich beide Lichter angeschaltet hatte und los gings. Am Ausgang T1 lief die offizielle Zeit, hier bekam ich dann auch die Bestaetigung. Eine Stunde, zwanzig Minuten waren seit dem Start im Fjord vergangen und ich war bereits auf dem Rad, 132. Platz nach T1– deutlich besser als erwartet – damit muss ich einfach voll zufrieden sein, obwohl… nein, nicht jetzt – darauf kommen wir spaeter zurueck - jetzt hiess es nur geniessen: Norseman 2014, die erste Etappe abgehackt und ich war mittendrin im Pulk – fantastisch!

 

c. Die Rad-etappe

Die gute Plaziering nach der Schwimm-etappe nahm den letzten Rest an Nervositaet und ich kurbelte ganz entspannt die ersten flachen Kilometer vor mich hin, aas mein Nutellabroetchen und trank ausgiebig. Dass ein paar Teilnehmer an mir vorbeidroschen machte da gar nichts. Es kam der erste kurze Tunnel und dann begann auch schon die Steigung. Ich senkte das Tempo entsprechend, nahm ruhig und stetig mit ca. 150 Pulsschlaegen die 1.250 Hoehenmeter in Angriff. Es waren angehmene 16 Grad Celsius in der Luft und die Strecke durch das Måbø-tal ist traumhaft schoen. Herrliche Serpentinen fuehren einen irgendwie durch die schroffen Felswaende hindurch. Man hat immer den Eindruck, dass man sich in einer gigantischen Sackgasse befindet – durch diese enorme Felswand kann man doch nicht durchfahren? – aber es geht langsam aber sicher immer ein wenig weiter immer ein wenig hoeher hinauf. Mal fuhren wir auf der jetzigen Autostrasse, auf der sich der Tross der Support-fahrzeuge mit den uebrigen Touristen mischte, mal fuhren wir auf der alten Pass-strasse, die jetzt fuer motorisierten Verkehr gesperrt ist. Ueber zahlreiche schmale Bruecken, durch enge, unbeleuchtete Tunnel ging es an Wasserfaellen vorbei nach Dyranut.

 

Auf der alten Pass-strasse durchs Måbø-tal auf die Hardangervidda. Photo: Dagens Næringsliv

Ich hielt das Tempo, dass ich mir vorgenommen hatte, streng ein und lag den kompletten Anstieg bei rund 150 Pulsschlaegen pro Minute. Ich fuehlte mich gut und hatte niemals den Eindruck, dass ich zu schnell fahren wuerde. Dennoch konnte ich auf der Strecke nach Dyranut 10-15 Plaetze gutmachen.

Ueber schale Bruecken und durch unbeleuchtede Tunnels. Photo: Von unbekannt geklaut

Ca. 5 km vor Dyranut erreicht man das Hochplateau. Sofort merkten wir den Gegenwind deutlich. Immerhin, es sah nicht nach Regen aus und auch die Temperatur war hier oben immer noch angenehm, so um die 10 Grad.

Bei Dyranut standen Bente, Stein und Nina bereit mit Kleidung, Nahrung, Getraenken und jeder Menge aufmunternder Worte. Ein so unterstuetzendes Support-team ist wertvoll wie Gold. Insbesondere wenns nicht so gut laeuft – doch davon konnte jetzt – noch - keine Rede sein, ich fuehlte mich grossartig. Ich beschloss nur die Windweste ueberzuziehen, nahm wie geplant ein Flasche mit Maxims und eine Flasche Herbalife Prolong auf und stecke ein neues Nutellabroetchen in die Rueckentasche. Die Radzeit bis Dyranut betrug knapp ueber 2 Stunden, in etwa wie geplant.

 

Support stopp bei Dyranut: Windweste ueberziehen. Photo: Nina

Vor mir standen rund 50 km durch die Hardangervidda bis Geilo, wo wir den naechsten Stop vereinbart hatten. Die Strecke bis Geilo ist der einfachste Teil des Norseman. Auf diesen 50 km geht es netto etwas 500 Hoehenmeter bergab, die Strasse ist fuer norwegische Verhaeltnisse in gutem Zustand und man hat auch in den wenigen Kurven fast immer so gute Uebersicht, dass man staendig Gas geben kann. Trotz konstantem Gegenwind ging es mit hoher Geschwindigkeit gegen Dyranut. Ich ass mein Broetchen, einen Energieriegel und trank aus der Aeroflasche. Auf diesem Teilstueck bueste ich ein paar Plaetze ein. Die Jungs auf ihren TT – Bikes, denen ich am Berg davonfahren konnte, rauschten nun wieder an mir vorbei. Ich genoss die Schoenheit der kargen Landschaft auf der Hardangervidda, dem groessten Hochplateau in Europa und ich genoss den Tag. Die Anspannung am Morgen vor dem Schwimmen war wie weggeblasen. Ich wusste, ich lag irgendwo im Mittelfeld, fuehlte, dass ich ein kontrolliertes Tempo fuhr und begann mich langsam damit anzufreunden, dass ich zu den ersten 160 gehoeren koennte. Dass ich ein paar Plaetze auf der Strecke nach Geilo einbuesste machte mir nichts aus, nur ruhig bleiben, gut essen und trinken und Kraft sparen fuer die 4 Bergepaesse, die noch bis T2 zu fahren sind.

Dann kam auch schon Geilo, scharf rechts abbiegen und nach meinem Support team ausschau halten. Nina und Bente gaben mir Maxim-riegel und neue Flaschen, ich gab ihnen meine Weste. Sofort nach dem Stop gings es bergauf, ca. 300 Hoehenmeter. Wirklich angenehm wieder aufrecht auf dem Rad sitzen zu koennen.

 

Gesellschaft auf dem Weg ueber den Dagali Berg. Photo: Bente

Auf den Anstiegen ist es beim Norseman erlaubt nebeneinander zu fahren. Davon machte ich mehrfach gebrauch. Die 3 Anstiege nach Geilo waren kuerzer und weniger steil als ich gedacht hatte und durch Unterhaltung und maessiges Tempo kam ich relative locker ueber sie hinueber. Dennoch konnte ich auf diesem Teilstueck zwischen Geilo bis ins Uvdal ein paar Plaetze gewinnen. Auf der letzten Passhoehe des 3er Packs stoppte Bente mich und erklaerte, die Rennleitung hatt gemeldet, dass ein Schlechtwettereinbruch mit extremen Regen und sehr schlechter Sicht gemeldet ist und dass alle Support teams dafuer sorgen muessen, dass ihre Athleten Regenjacke und Reflexweste ueberziehen und wieder mit Licht fahren. Ich hielt das zunaechst fuer einen schlechten Scherz, aber Bente sah sehr ernst aus und ich zog die Sachen an. Es ging ja nun sowieso zunaechst bergab ins Uvdal. Unten angekommen ging es dann das zweite Mal rechts ab und es ging sofort bergan, den gefuerchteten Immingfjell hinauf. Ich hatte mich eigentlich auf diesen Berg gefreut. Zum einen ist der Immingfjell der letzte Anstieg und T2 rueckt in greifbare Naehe, zum anderen haben mir solche Serpentinen-anstiege schon immer gefallen. Allerdings war das im Urlaub in den Alpen oder in der Sierra Nevada und der Weg war das Ziel. Jetzt war der 160. Platz das Ziel und ich hatte nicht endlos Zeit und konnte nicht einfach eine Rast einlegen und eine eiskalte Cola bestellen. Die ersten 4 Berge und die Hardangervidda waren kein Problem und ich fuehlte mich stark bis hinunter ins Uvdal, aber jetzt war ploetzlich alles ganz anders, ich konnte die Pedale nur noch mit groesster Muehe in Schwung halten, die Oberschenkel brannten, ich fuehlte mich leer. Vom angesagten Unwetter keine Spur und ich kochte in meiner Regenjacke. Mein Supportwagen stoppte und ich gab die Jacke wieder ab. Das heisst dann: Helm abnehmen, Reflexweste ueber den Kopf ziehen, Jacke ausziehen, Reflexweste wieder anziehen, Helm auf. Kleiner Tipp fuer Nachahmer: Auf jeden Fall eine Reflexweste mitnehmen, die einen Reisverschluss hat, die man also nicht zwangsweise ueber den Kopf ziehen muss.

Ich drueckte ein Energiegel in mich rein und machte mich in sehr gemaechlichem Tempo an den Anstieg, vom Geniessen der Serpentinen konnte ueberhaupt keine Rede mehr sein.

 

Anstieg auf den Imming - berg. Photo: Bente

Nun fuhren auch erstmals bergauf einige Konkurrenten an mir vorbei. In einer Kurve konnte ich Bente zurufen, dass sie eine Flasche mit Cola klarmachen sollten. Ich hatte 6 Liter Cola gekocht, um die Kohlensaeure rauszubekommen. Dies war als meine letzte Rettung gedacht, falls es beim Marathon schwer werden sollte. Dass ich schon auf der Rad-etappen zur Cola greifen musste, gefiehl mir gar nicht, musste aber sein. Irgendwie kletterte ich die rund 600 Hoehenmeter hinauf, musste aber schon sehr tief in den Keller gehen und nach den letzten Kraeften suchen. Kurz vor Erreichen des Immingfjell-Wanderheims wo Stein, Nina und Bente auf mich warteten, began es zu Regnen. Jetzt brauchte ich die Regenjacke doch, also wieder Helm ab, Reflexweste aus, Jacke an, Reflexweste an, Helm auf. Ein paar aufmunternde Worte und auf zur letzten Etappen. Ich steckte mir noch den Reservereifen in die Rueckentasche, da die Strasse vom Immingfjell hinunter durch das Tessung-tal sehr schlecht sein sollte und die Wahrscheinlichkeit fuer eine Reifenpanne auf diesem Teilstueck als hoch gilt. Obwohl die Steigung ab dem Immingfjell-Wanderheim deutlich abnimmt, geht es noch weitere 6 km bergauf und die ersehnte Abfahrt kommt erst nach 6 weiteren Kilometern die flach ueber die Hochebene fuehren. Der Regen wurde extrem, ging teilweise in Hagel ueber und der Gegenwind war gewaltig. Ich hatte den Eindruck, kaum noch vorwaerts zu kommen, viel Kraft hatte ich sowieso nicht mehr.

Starker Gegenwind und Regen auf dem Immingen. Photo: von unbekannt geklaut

Durch das Unwetter war die Temperatur einige Grade gesunken und entkraeftet und durchnaesst, mit staerkstem Gegenwind kaempfend wurde es auch unangenehm kalt. Ich machte mir Mut und dachte daran, dass es nicht mehr lange bis zum Tessung-tal sein konnte und dass es sicher nur ein paar 100 Hoehenmeter tiefer bedeutend waermer sein wuerde. Und ueberhaupt gehoert solch ein Wetter ebenso zum Norseman wie die vielen Hoehenmeter, der kalte Fjord, der Sprung von der Autofaehre und der Lauf auf den Gaustatoppen.

Als es dann abwaerts ging, ging es wirklich abwaerts. Die Strassen waren in schlechtem Zustand, aber besser als ich befuerchtet hatte. Mir war kalt und die Konzentration ist nach ca. 7 Stunden Wettkampf natuerlich auch nicht mehr die Beste. Weshalb ich recht vorsichtig die Haarnadelkurven ins Tessung-tal hinunter fuhr. Hier sausten natuerlich einige Konkurrenten an mir vorbei ins Tal. Die Karkheit der Hochebene auf dem Immingfjell wich schnell der satten gruenen Fruchtbarkeit des Tessung-tals. Es wurde auch schnell deutlich waermer und der Regen lies nach. Bis T2 ging es nur noch bergab, auf stetig besserem und irgendwann auch gaenzlich trockenem Asphalt. Obwohl der letzte Teil der Radstrecke sehr einfach war, war mir schwindlig als ich in T2 einrollte. Bente kam mir entgegengelaufen, alles war super vorbereitet. Ich zog mich komplett um. Die Triathlonhose tauschte ich gegen eine Laufhose, die Wollsocken gegen duenne Laufsocken. Fuer die Radstrecke hatte ich 7:30 Stunden gebraucht. Seit dem Sprung in den Hardangerfjord waren 8:55 Stunden vergangen. Der Fjord lag jetzt schon in allen Belangen weit hinter mir und bald wuerde ich den Gaustatoppen sehen koennen.

d.Die Lauf-etappe:

Die Sonne schien, es waren ueber 20 Grad, ich fuehlte mich immer noch ein bisschen schwindelig, ansonsten aber sehr gut, schnappte mir ein Gel und trabte los. Beim Ausgang T2 bekam ich die Platzierung angezeigt: 124. Platz – super! Damit hatte ich ueberhaupt nicht rechnen koennen. Ich war davon ausgegangen beim Laufen 20 – 40 Plaetze gutmachen zu muessen um den Cut fuer die schwarze Strecke schaffen zu koennen. Jetzt hatte ich 37 Konkurrenten hinter mir. Laufen ist meine beste Disziplin, ich konnte mir nicht vorstellen, dass 37 Teilnehmer, die ich mit dem Rad hinter mir halten konnte, an mir vorbeilaufen sollten. Jetzt aber nur nicht zu frueh freuen, man kann immer noch grandios einbrechen. Was ich damals natuerlich nicht wissen konnte, bis zum 160. Platz waren es nur 27 Minuten – und die sind schnell verspielt wenn man erst mal gegen die Mauer laeuft oder den Magen nicht unter Kontrolle kriegt.

Meine Beine waren erstaunlich locker und ich legte auf den ersten Kilometern einen Kilometer-Schnitt knapp unter 5 Minuten hin. Dabei behielt ich die Pulsuhr immer genau im Blick – jetzt nur nicht die Kontrolle ueber die Geschwindigkeit verlieren. Letztes Jahr in Roth lief ich die ersten Kilometer wie eine Gazelle um dann bei KM 8 auf die Geschwindigkeit einer Schildkroete ueberzugehen. Diesen Fehler wollte ich nicht noch mal machen.

Leider hatte ich es versaeumt mir etwas zu trinken mitzunehmen und das Auto mit Bente und Nina (Stein hatte sein Rad ausgepackt und war schon mal nach Rjukan vorgefahren) kam und kam nicht. Die Sonne brannte stark und ich musste Fluessigkeit zu mir nehmen. Obwohl ich nach eigener Einschaetzung sehr schnell lief, konnte ich nur an 2-3 Laeufern vorbeiziehen. Bei KM 8 sah ich endlich den Volvo vorbeifahren und bekam auch bald darauf die lang ersehnte Flasche mit Maxims. Da es strikt verboten ist aus dem Auto heraus zu supporten, ist das Support-team immer darauf angewiesen eine Parkgelegenheit zu finden, die gross genug ist, um das Auto mit allen 4 Raedern jenseits der weissen Strassenmarkierung abzustellen – das kann teilweise schwierig sein.

 

Support auf der Laufstrecke: Hier siehts noch locker aus. Photo: Nina

Die ersten 10 KM absolvierte ich in 51 Minuten. Immer noch fuehlte ich mich gut – wie sollten jetzt noch ca. 40 Teilnehmer an mir vorbeikommen. Bei KM 11 kam dann der erwartete Toilettenstopp – beim Norseman heisst dass dann halt ebenmal ein paar Meter die Boeschung runterkrabbeln. Das kostete 2 Minuten und 3 Plaetze, die ich jedoch schnell wieder wettmachen konnte.

Aufmunternde Kommentare am Wegesrand. Photo: von unbekannt geklaut

KM 15 kam und ich dachte, jetzt sind es nur noch 10 Kilometer zu laufen und dann kannste den Rest zuegig gehen. Ich machte weitere Plaetze gut und konnte immer noch sehr fluessig laufen, der KM Schnitt sank jetzt jedoch und die Versuchung mal ein paar Schritte zu gehen wurde staerker und staerker. Ich trank nun viel, Maxims und Cola im Wechsel. Nun lief erstmals ein Konkurrent an mir vorbei. Gluecklicherweise war er kaum schneller als ich und ich konnte mich an seine Fersen heften. Als ich ihn dann bei KM 20 wieder hinter mir lassen konnte, kannte meine Euphorie keine Grenzen mehr.

Bei Km 20 sieht man zum ersten Mal den Gipfel des Mt. Gausta. Photo: Arnt Flatmo

Ich sah den Gaustatoppen und ich sah bald auch die steile Bergstrasse, die mich zu ihm fuehren sollte. Kurz vor Rjukan die scharfe Linkskurve, ueber die Bahngeleise hinueber und dann begann auch schon der Anstieg. Ich begann sofort zu gehen. Ab hier war es dem Support erlaubt, neben dem Athleten herzulaufen oder ihn mit dem Rad zu begleiten. Bente ging neben mir und war mit Getraenken ausgeruestet, Stein fuhr auf dem Rad nebenher und reichte mir Bananenstuecke. Mein Tempo pendelte sich auf einen Schnitt von 10 Minuten pro KM ein. Die letzten Zweifel ob ich den Cut schaffen wuerde, waren nun vollends beseitigt. In keiner Phase des Rennens fuehlte ich mich so stark wie jetzt und ich war mittlerweile ueber 11 Stunden unterwegs. Ich konnte das Tempo forcieren und liess zahlreiche Konkurrenten foermlich stehen. Nun began ich mir eine theoretische Chance auszurechnen unter 14 Stunden bleiben zu koennen. Der Kontrollposten bei KM 32.5 wo sich die Wege teilen, war nun nicht mehr weit. Wenn man bis hierhin mehr als 14:30 Stunden oder nicht unter den 160 ersten ist, muss man die weisse Strecke einschlagen. Es gibt allerdings noch eine dritte Klippe, die man ueberwinden muss, um die schwarze Strecke einschlagen zu koennen: den medizinischen Test. Ein Arzt schaut sich die Athleten an und beurteilt, ob sie koerperlich in der Lage sind, die letzten 10 Kilometer zu bewaeltigen. Dabei stellen sie Fragen und diejenigen Teilnehmer, die sich an ihren Namen oder Geburtstag nicht mehr errinnern koennen, werden aus Sicherheitsgruenden ebenfalls aussortiert. Dies hatte ich viele Male in den zahlreichen Norseman Filmen gesehen und Bente und Stein gingen nun auf dem letzten Kilometer die moeglichen Fragen mit mir durch. Immer wieder repetierte ich meinen Namen, meine Startnummer und meinen Geburtstag. Und was passierte am Kontrollposten? Gar nichts. Keiner wollte mit mir reden und ich ging einfach schnellen Schrittes hindurch. Alles klar, wenn der medizinische Test nicht notwendig ist, sah ich wohl nicht so schlecht aus. Nun konnnte wirklich ueberhaupt nichts mehr passieren. Ich hatte das Nadeloehr KM 32.5 innerhalb der Cut-off Zeit von 14:30 Stunden und unter den ersten 160 Teilnehmern passiert. Theoretisch gab es noch den zweiten Cut-off bei KM 37.5 (15:30 Stunden) aber da haette ich mir schon ein Bein brechen muessen um dies nicht zu schaffen. Zumal die Strecke ab KM 35 und bis zum Uebergang auf den felsigen Schlussanstieg deutlich flacher wird. Hier konnte ich sogar wieder vom Gehen ins Laufen uebergehen. Die ersten Laufschritte waren recht steif und schmerzhaft aber nach und nach ging es fluessiger. Ich machte weiterhin Plaetze gut und hatte Blut geleckt. Das Minimalziel “schwarzes T-shirt” war praktisch im Sack, nun wollte ich eine so gute Plazierung wie moeglich herausholen und unter 14 Stunden kommen.

Stein war mit seinem Fahrrad neben mir und noetigte mich, eine weitere Banane reinzudruecken. Bente war mit Nina im Auto vorrausgefahren und machte die beiden Rucksaecke klar, die wir ab KM 37.5 mit uns fuehren mussten. Der Inhalt der Saecke ist genau vorgeschrieben und wird auch kontrolliert (Warme Kleidung, Stirnlampe, Mobiltelefon, Nahrung, Getraenke und Bargeld fuer die Kaffeteria auf dem Gipfel).

Der Gebirgspfad, die letzten 4.7 Kilometer zum Ziel beginnt recht flach und ist angenehm zu laufen. Ich lief vorraus und Bente trabte mit dem grossen Rucksack, der mit Daunenjacken gefuellt war, hinter mir her. Es ging zuegig vorwaerts, auf den flacheren Stuecken liefen wir, auf den steileren gingen wir.

 

Fortsetzung sehe "Norseman 2014 - Part 2